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Unbekanntes Taiwan: im Reich der Kalligraphie

Taiwan? Hiking, Bergwandern im Reich der Kalligraphie? Das hört sich nicht nur exotisch an, das ist exotisch: Taiwan – gerade mal so groß wie Baden-Württemberg – hat die Form einer knolligen Süßkartoffel und bietet erstaunlich viel Gebirge. Über 200 Gipfel ragen in fünf Nationalparks höher auf als 3000 Meter. Das Dach Taiwans ist der formschöne „Jadeberg“ Yushan mit 3952 Metern.

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Taiwan wird von vier Polen in der Balance gehalten, die man als Reisender nicht übersehen kann: das sind neben dem Reichtum an Berglandschaft die Vielfalt der Küche, die gelebte Spiritualität, und die von alters her gepflegte Kunst des schönen Schreibens, die meditative Kunst der Kalligraphie.

 

 

Auftakt in Taipeh
Nach vierzehn Stunden Nonstop-Flug landet man im administrativen, wirtschaftlichen und kulturellen Herz des Landes, ganz im Norden gelegen, an der Küste des Ostchinesischen Meeres. Mit der Vielzahl an Vorstädten sowie den nicht registrierten Zuwanderern leben in der Glitzermetropole mit ihren Hochhäusern, mehrstöckigem und mehrspurigem Straßenlabyrinth und flirrenden Neonrekla-men, die den New Yorker Broadway in den Schatten stellen, an die sechs Millionen Menschen.

IMG_1754Ein im Stil der Ming-Dynastie errichtetes, gewaltiges Ehrentor gibt den Blick frei auf die Gedenkstät-te für den Mann, dem Taiwan letztlich seine Existenz verdankt: die bombastische, 70 Meter hohe Halle aus weißem Marmor, ist zwar Taiwans Demokratie geweiht, für die Bevölkerung steht aber die Verehrung ChiangKaiSheks im Vordergrund, der als Wachsfigur an seinem Schreibtisch sitzt, dessen Staatskaroassen bestaunt werden, dessen Uniformen, Schuhe und Orden Reliquien sind.

Das alte Taipeh entdeckt man bei einem Spaziergang durch das Dadaochen-Viertel, wo Gebäude im pittoresken Asia-Barock Kontrapunkt zu Skyscrabern und Stahlbeton-Konstruktionen an Metrostationen und Brücken sind. Oder man unternimmt einen Ausflug in die Hafenstadt Danshue, Wohnquartier und Ausflugsziel mit S-Bahn-Anschluss an Taipeh. Bummel auf der Hafenpromenade. Mutige Blicke in Garküchen, Kinderspielplätze, Eisverkäufer.

Vielfältig exotisch die Gerüche, die aus Apotheken traditioneller chinesischer Medizin genauso auf die Gassen strömen wie aus Geschäften, die wirklich alle Zutaten für chinesische Küche feilbieten.

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Wenn man sich weit zurücklehnt und den Kopf in den Nacken legt, dann entdeckt man überall „Taipeh 101“. Das bis Jahresbeginn höchste Gebäude der Welt überragt den Finanzdistrikt Taipehs. Heute hält Dubai den Rekord, aber 508 Meter sind noch immer erstaunlich. Ganz oben die verglaste Besucherplattform. Taipeh aus der Vogelperspektive. Eine sichtbare 660 Tonnen schwere, zentral wie ein Pendel aufgehängte Stahlkugel gleicht Schwingungen aus und schützt den Tower bei Erdbeben.

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Die größte Sehenswürdigkeit von Taipeh – alle exotischen Schlangen- und Nachtmärkte genauso hinter sich lassend wie die gar gastlichen Salons für traditionelle chinesische Fußmassage – ist das Nationale Palastmuseum. Nirgendwo auf dem Globus gibt es eine ähnlich umfangreiche und kostbare Ausstellung chinesischer Kunst. Originale, die im Kaiserpalast in Peking ihren Platz hatten.

Dauerausstellungen – jede einzelne von Weltgeltung – geben Einblicke in die so typisch chinesischen Kunstgattungen Malerei, Kalligraphie, Keramik, Jadeschnitzerei und Lackarbeit. Da gibt es z. B. ein faustgroßes Stück Schinken ganz aus Jade geschnitzt, das so natürlich aussieht, dass man gleich hinein beißen möchte. Als besonders kostbar gelten Bronzegefäße aus der Shang-Dynastie, aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus.

 

Aufbruch ins Bergland
Der YangMingShan-Nationalpark ist das Naherho-lungsgebiet Taipehs. Mit dem Auto ist man in einer guten Stunde am Besucherzentrum. Der kleinste der fünf Nationalparke Taiwans streckt sich wie ein schlafender chinesischer Glücksdrache über die Yang-Ming Shan-Berge hin. Silber schimmerndes, sich sacht im Wind wiegendes Wollgras als Schuppenpanzer. Wie man von den Olympia-Skipisten der Rockys direkt auf die Millionenstadt Vancouver blickt, so breitet sich hier unter den gekiesten und narrensicher markierten Wanderwegen des Nationalparks das wabernde Häusermeer Taipehs aus.

DSC_0426                                                                                                                                                                                                                                                                                              Der Berg Tatung, 1092 m, mag ein erstes Ziel sein. Oder einer seiner Nachbarn. Dampf steigt auf von heißen Schwefelquellen. Wanderung durch eine poetische Welt aus tropischen Baumfarnen, schenkel-dickem Bambus und nach Fengshui-Regeln angelegten Rastplätzen mit Fischteichen und Bogenbrücken. Landschaftsbilder, wie mit Tusche skizziert.

Der Abstieg über gut 400 Höhenmeter über Hunderte von Treppen mit Stufen beginnt beschaulich, in großer Ruhe und Stille; und er endet in einer Kakophonie unglaublichen Lärms. Zunächst sind es Chi-nakracher in Serie gezündet, dann steigen Feuerwerkraketen auf, dazu Tröten, Trompeten, Trom-meln, Gewehrsalven und laute Diskomusik. Mega-Lautsprecherboxen auf tuckernden Traktoren. Der infernalische Lärm im kleinen Dorf am Ende des Trails ist ein durchaus heiliger. Was sich anfühlt wie eine Mischung aus politischer Demonstration, Faschingszug, Karneval in Rio und mobiler Karaoke-Show, ist freilich feierlich-fromme Prozession. Die chinesische Art von Fronleichnam. Ein regionaler taoistischer Gott wird mit einem Volksfest geehrt, das jedes Jahr in einem anderen Dorf des Distrikts, von einem anderen Tempel, ausgetragen wird.

So wie man in Nepal bei der Puja kleine Glocken anschlägt, um seinen Gott auf sich aufmerksam zu machen, so versucht hier jedes Dorf jedes Jahr noch lauter zu sein, den irren Lärm noch mehr zu steigern, um sich wirklich der ungeteilten Aufmerksamkeit der mächtigen Gottheit zu vergewissern.

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Das Krachen und Lärmen noch im Ohr, geht die Fahrt zurück auf den Highway und am Rande Taipehs vorbei in Richtung Nordküste, wo die Guanyshan National Scenic Area für absolut natürliches Kontrastprogramm sorgt. Ein Ort, wo Erdgeschichte spürbar wird, genauso wie der ewige Hauch des Ozeans. Spielwiese der Elemente und Gezeiten.

In Yeliou gibt es den „Kopf der Königin“ zu bestaunen, „Aschenputtels Tanzschuh“, Segelschiffe, Blumen, alles geschaffen von Wasser und Wind auf einer lindwurmzungen-schmalen Halbinsel. Kristalliner Sand in Jahrtausenden von stetem Wind zu Stein gepresst und in Monsunregen und bei Flut gischtendem Salzwasser wieder erodiert.

Wilder Osten: Hochgebirge
Von Yeliou zurück nach Taipeh und dann mit der Bahn – sehr komfortabel und pünktlich – hinaus nach Hualien am Pazifischen Ozean. Während die Westküste Taiwans flach ins Meer ausläuft, fällt die Ostküste steil ab. Marmorschleifereien haben hier genügend Rohstoff. Weiter Kiesstrand in weiten Buchten, Steinesammeln lohnt sich. Wunderschöne Muster, Formen, Farben. Wenn nur diese lästige 20-Kilo-Grenze fürs Gepäck beim Rückflug nicht wäre!

Die Taroko-Schlucht ist das wilde Herz des Taroko-Nationalparks. Das populärste Stück Natur in Taiwan. Hierher reisen Hochzeitspaare, da treffen sich Wanderer und Hiker, da haben Naturvölker ihre Spuren hinterlassen, deren Kultur nicht nur wegen Pfeil und Bogen auf uns ausgesprochen indianisch wirkt. Am Eingang der mächtigen Taroko-Schlucht wird der Verkehr durch ein mächtiges Tor geleitet.

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Eingefasst in weißen Marmor donnern die Wasser-massen aus dem Hochgebirge zu Tale. Ein atemberaubender Fahrweg schlängelt sich tief hinein in ein Labyrinth aus Schluchten, Gumpen und Canyons. Verwirrend die Vielfalt der Wanderwege. Das ebenso ökologisch wie komfortabel ausgerichtete Taroko Leader Resort mit chinesisch-japani-schem Essen ist bequeme Unterkunft mit viel Lokalkolorit. Und einem Blumengarten in dem handtellergroße Schmetterlinge Reigen tanzen.

Farbige Schönheit.
Geheimnisvolles Leben.
Makellos und rein.

Über Jahrmillionen hat sich der Fluss Liwu durch das Gestein gegraben. Marmor und Granit stehen in bis zu 500 Meter hohen Wänden massiv beidseits der Schlucht, in die immer wieder kleine und große Wasserfälle rieseln. Die Auswahl an Trails und Hiking-Touren ist riesig, allerdings muss man immer damit rechnen, dass nach Taifunen Abschnitte oder ganze Routen vorübergehend gesperrt sind.

Höhepunkte sind das „Schwalbentor“, in dem im Frühsommer zu Hunderten die Schwalben nisten, die „Neun-Kehren-Höhle“, wo das Sonnenlicht durch scheinbar überlappende Hänge fast völlig ausgesperrt ist oder der etwas anspruchsvollere Treppenweg zum Schrein des ewigen Frühlings. Auf einem Felsen über einem Wasserfall gelegen, erinnert er an die Arbeiter, die beim Bau des Cross-Island-Highways ums Leben kamen.

Nachhaltiges Erlebnis verspricht das buddhistische Frauenkloster, das auf einer Bergkuppe thront, mit einem weithin sichtbaren Glockenturm. Die Ikonographie des chinesischen Buddhismus ist für Kenner der Klöster Tibets befremdlich und rätselhaft. Der große Missionar Guru Rimpoche Padmasambhava ist noch am ehesten zu identifizieren.

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Aus der Taroko-Schlucht geht es ins Hochgebirge. Die Straße wird schmaler. Immer höher und steiler geht es hinauf. Von 200 Metern Seehöhe auf 3000 Meter. Aus dem Frühnebel in gleißenden Sonnenschein. Wolkengekrönte, grün ummantelte Zauberberge. Uralte Zypressen folgen tropischer Vegetation. Endlich ist die Passhöhe erreicht: 3275 Meter. Der höchste Straßenpass Taiwans. Doppelt gebratene Nudeln: schneller Lunch am Scheideweg. Der Berg ruft. Bei guten Wetterverhältnissen lockt z. B. der Berg Shimen, 3400 m, zu einem Abstecher. Eine zweistündige Bergtour. Auf ausgetretenem Treppenpfad. Es kann auch einer seiner Nachbarn sein.

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die Tour auf Zugspitzniveau beginnt, dass man sich im Hochgebirge befindet und das Klima nicht gewöhnt ist, dass die Schuhe zum Gelände passen müssen, genügend Trinkwasser im Rucksack ist und der Sonnenschutz hohen Lichtschutzfaktor aufweist.

Wie in einem chinesischen Tuschebild umfluten weiche Wolkenmeere, Waldhügel und Wasserfälle die Bergkuppen der Hehuan-Berge, allesamt um oder über 3000 Meter hoch. Zurück im Bus, heißt es wieder ins Karussell der Kurven einsteigen. Tief unten liegt die Wulin-Teefarm. Landwirtschaftliches Gebiet und Recreation-Center in einem. Typisches Wochenendausflugsgebiet für die Taiwanesen.

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Nicht nur die sportlichen Möglichkeiten locken, nicht nur die herrliche Landschaft in diesem windgeschützten Tal, vor allem auch der bekannt gute Tee ist es, der keinen Chinesen kalt lässt. Ein Abendspaziergang durch die Teegärten endet am Farmhaus, wo Probieren angesagt ist. Die Teekultur ist seit Jahrtausenden im chinesischen Volk verwurzelt. Während der Tang-Dynastie – 618-907 n. Chr. – verfasste der buddhistische Mönch LuYu einen bis heute populären „Klassiker“ der chinesischen Literatur, das „Buch des Tees“.

Auf der Wuling-Farm wird eine besondere Mischform aus Grünem und Schwarzem Tee – halbfermentiert – produziert: der berühmte Olong-Bergtee. „WuLong“ bzw. „Schwarzer Drache“ ist besonders gesund und sehr schmackhaft. Tee und Taiwan gehören so eng zusammen, dass es sogar Restaurants gibt, in denen ausschließlich Gerichte mit Tee gekocht werden und letztlich sogar der Reis in Teewasser siedet.

Mit kleinen Schlucken
Ein wärmendes Bad nehmen.
Aus reinem Geschmack.

Wenn das Wetter passt, besteht noch einmal die Möglichkeit, einen der über 200 Dreitausender Tai-wans zu besteigen. Das „ni hau“ – „Guten Tag“ – auf den steilen Treppenwegen fällt schwer. Die Höhe macht sich durchaus bemerkbar. Und die Taiwanesen sind ein fröhliches Volk und begrüßen jede Langnase mit einem freundlichen „Ni-hau“. Beispielhaft die Vorbereitung eines chinesischen Bergführers, der für seine Gruppe ein Schild dabei hat, auf dem der Name des gemeinsam bezwungenen Bergriesen steht: Gruppenbild mit Botschaft.

Auch der „Jadeberg“ Hueshan kann im Rahmen der Summit-Club-Reise nach Taiwan bestiegen werden. Man kann den Abstecher mit Biwak in einer einfachen Berghütte aber auch auslassen. Ob der Hueshan letztlich machbar ist oder nicht, das hängt immer auch vom Zustand der Wege und vom Wetter ab, immerhin es geht auf knapp 4000 Meter hinauf.

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Mythos und Kitsch: Sonne-Mond-See
Keinesfalls entgehen lassen sollte man sich den Abstecher zum berühmten Sonne-Mond-See. Die Fahrt aus den Hehuan-Bergen in die Wärme, in fast europäisch wirkende Tallandschaften, endet im Idealfall genau zur Sonnenuntergangszeit an den Gestaden des sagenumwobenen Gewässers. Das auf 750 Metern Seehöhe gelegene Gewässer heißt Sonne-Mond-See, weil seine Form den chinesischen Schriftzeichen für Sonne und Mond ähnelt. Ganz prosaisch ist der See mit 11,6 Quadratkilometern Fläche Taiwans größtes Trinkwasserreservoir. Seine Popularität hängt damit zusammen, dass er in chinesische Bilderbuchlandschaft gebettet ist, umgeben von dicht bewaldeten, sattgrünen Bergen. Es empfiehlt sich mit dem Schiff um den See zu fahren und an den wichtigsten Stationen Zwischen-stopps einzulegen: der WenWu-Tempel vereint die Elemente mehrerer religiös-philosophischer Schulen. Beispielsweise verweisen die dunklen Marmorblöcke im Kontrast zum hell glitzernden See auf die YingYang-Dualität. Die Haupthalle beherrschen Statuen der schamanistischen Kriegsgötter KuanYu und YuehFei, während die hintere Halle ein Standbild von Konfuzius enthält. Schließlich wurden Riten des Taoismus wie Orakelknochen-Werfen oder Wunschbriefchen-Aufhängen integriert.

Im Hauptschrein des HsuanChunagSi-Tempels befindet sich hinter dem liegenden Buddha ein beliebtes Fotomotiv, die schlichte Pagode, in der Knochenteile des Mönchs HsuanChuang aufbewahrt werden, der populäre Begründer des Buddhismus in China.

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Ali Shan – was das „Chi“ frei fließen kann
Zum YuShan-Nationalpark, 100 000 Hektar groß und mit 30 Gipfeln über 3000 Metern Höhe ausgestattet, gehört der „Heimat-Berg“ Alishan. Kaum eine Gipfelregion  der taiwanesischen Bergwelt erfreut sich größerer Beliebtheit. Mit 2190 Metern bietet der Berg erfrischendes Klima, liegt aber nicht so hoch, dass Höhenkrankheit ein Thema wäre.

Für Einheimische liegt – neben dem Trail zu den Baumriesen von AliShan – ein weiterer Hauptgrund für den Besuch im spirituellen Bereich: Das „Chi“ – die Lebensenergie – ist hier oben so günstig wie nirgendwo sonst, heißt es. Jede einzelne Minute in der veritablen Sommerfrische AliShan-Park sei so wertvoll wie ein ganzer Tag in der Ebene.

Der Führer ist klein, aber dafür breit. Er spricht sehr gutes Englisch, weil er in den USA gearbeitet hat. Dort hat er sich auch seinen Spitznamen eingefangen „John Wayne“. „I’m Wayne – You call me John!“ Er ist herzig sympathisch, flirtet pausenlos mit den weiblichen Mitgliedern der Reisegruppe und kämpft sich mit allerlei Yoga-Tricks wie – beim Treppensteigen bergauf die Hände auf den Rücken legen – über das Stufenlabyrinth AliShan.

Amerikanischer könnte dieser Naturpark nicht sein. Jeder einzelne Baum beschriftet, jeder Baumstupf symbolhaft gedeutet, kein Meter Wegs unbefestigt. Der Rundweg verläuft durch hübsch angelegte Hochlandgärten an einem ebenso hübschbunten wie mächtigen buddhistischen Heiligtum vorbei, wo wir als Morgen-Puja ein paar Räucherstäbchen erwerben und anzünden, zum Heiligen Baum.

Angeblich ist er noch älter als seine Nachbarn – von 3000 Jahren ist in Führern die Rede. Wobei die ursprünglich so benannte Hochlandzypresse vor ein paar Jahren ausgewechselt wurde, wie John augenzwinkernd eingesteht. So was geht in Taiwan.

Der alte „Heilige Baum“ – ohnedies längst ein Totholz-Relikt – war Opfer eines Taifuns. Und so haben Parkbesucher abgestimmt und sich einen neuen „Heiligen Baum“ erkürt. Dieser lebt, sein grüngefächerter Wipfel verliert sich in den Wolken. Und man braucht mindestens acht Leute, um Hand in Hand seinen Stamm zu umspannen. Warum sollte er nicht kraftspendend sein. Ein FengShui-Fanal.

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Es muss nicht immer Schlange sein
Kleinbusse stehen bereit, die uns auf der wie eine Luftschlange über weite Höhenzüge, Kuppen und Täler geworfenen Bergstraße hinunterschaukeln ins Tal. Nieselregen. Unglaublich: die Heizung läuft und tut gut. Dazwischen atemberaubende Blicke auf gewaltige Wunden, die der große Taifun erst Frühjahr 2009 geschlagen hat: Halbe Berge fehlen buchstäblich. Verletzte Landschaft, in die eine zerstörerische Kraft mit dem Hochdruckschlauch hineingespritzt und unvorstellbare Verwüstung angerichtet hat. Das alles hat mit Muren oder Erdrutschen, wie wir das aus dem Alpenraum kennen, nichts zu tun. Das ist eine ganz andere Dimension.

Unterwegs in den Süden, bevor wir im buddhistischen Großkloster FoGuangShan die letzten Tage verbringen, halten wir an einem einladenden Re-staurant am Straßenrand. Mittlerweile sind Essstäbchen kein Grund mehr, am gedeckten Tisch zu verhungern. Und wieder werden Dutzende von Tellerchen und Schüsselchen aufgetragen, auf das Karussell in der Tischmitte gestellt und dann einladend von Gast zu Gast geschoben.

Und es muss nicht immer Schlange sein. Oder gerösteter Skorpion. Aufgetischt wird „Reisnudelsupe“, “Stinkender Bohnenkäse“, eine überbordende Fülle von variantenreich gewürzten Fleischbällchen aller Art,  und die nicht weniger bunte Palette an Maultaschen, mit Gemüse, Fleisch oder auch Schokoladencreme gefüllt. Der Fantasie und Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt. Und das Probieren macht immer wieder Spaß.

Der Reis ist für die Chinesen die „Königin aller Getreidearten“. Nach Erschaffung der Welt, heißt es, zu Anbeginn der Zeit, verliebte sich der Himmel in die Erde. Als er sie eines Tages küssen wollte und sich zu ihr herabbeugte, fielen aus seiner Tasche Reiskörner. Sobald diese auf der feuchten Erde landeten, begannen sie zu keimen, und es wuchsen die ersten Reispflanzen. Zeugnisse der Liebe.

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Ein Stück unterwegs mit dem Großen Fahrzeug
Wohlgestärkt mit Kostbarkeiten taiwanesischer Küche, nach einem Mittagsschläfchen auf dem Highway gen Süden, während auf dem Großbildschirm im Bus irgend ein langweiliges Baseball-Match tobt, laufen die letzten Vorbereitungen für den Eintritt im Kloster.

FoGunagShan ist eine Institution. Eine buddhistische Klosterstadt. Hier wird von über 1000 Novizen und Mönchen, Schülern und Studenten eine eigene Richtung des chinesischen Mahayana-Buddhismus gepflegt. Das „Große Fahrzeug“ bzw. der breite Weg, der jedem Gläubigen offensteht.

Auf dem Gelände gibt es zahllose Meditationshallen, Meditationsschulen, Tempel und Armenkü-chen, Schulen, eine eigene Universität, aber auch einen klostereignen Radiosender und die klostereigene Fernsehanstalt. Mit einer beschaulichen tibetischen Gompa hat diese Art von Weltbuddhismus nichts zu tun, aber es ist faszinierend zu beobach-ten, wenn 1000 Mönche in genau festgelegter Marschordnung in tiefes Schweigen versunken zur Morgen-Puja antreten und danach zum Frühstück in die Große Halle schreiten; und mit welcher Präzisi-on und Disziplin gebetet, gegessen, gelebt wird.

Hohe Konzentration und sehr viel Präzision erfor-dert das mehrstündige Praktikum in Sachen Kalligraphie: in der Schreibschule des Klosters wartet eine Professorin. Die Gruppe nimmt in einem riesigen Schreibsaal mit mindestens 150 Pulten Platz. Jeder bekommt eine Vorlage mit den chinesischen Schriftzeichen für „Freude“, „Friede“, „Wohlerge-hen“ und „Gesundheit“, dazu ein Blatt Papier, mehrere Pinsel und ein halbgefülltes Glas schwarzer Tusche. Mehr braucht man nicht. Die ganze Welt in einem Tuschestrich! Auf das Wesentliche konzentriert. Für kurze Zeit scheint nichts Anderes wichtig, als Stärke, Form und Dynamik einer Linie.

Den letzten Kontrapunkt einer intensiven Wander-Kultur-Reise durch Taiwan setzt Kaoshiung, die moderne Megacity am Love-River, mit einem der größten Häfen der Welt. Hier – am südlichen Ende Taiwans – findet sich wieder diese unglaubliche Dualität: Hightech im Dialog mit alter taiwanesisch-chinesischer Kultur. Eine Spanne über 5000  Jahre.

  Christoph Thoma