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Transpirenaica

Zu Fuß quer durch die Pyrenäen vom Mittelmeer zum Atlantik

Transpirenaica: Von Gott Herakles verlassen…
…starb hier einsam die schöne Prinzessin Pyrene

Die Pyrenäen verbinden Spanien mit Frankreich und das Mittelmeer mit dem Atlantik. Mehr als zweihundert Dreitausender überragen grüne Täler, von Gletschern geformt, von Flüssen durchfurcht. Die Durchquerung des 430 Kilometer langen Grenzgebirges ist eine der attraktivsten Weitwanderungen weltweit. Traumziel und Herausforderung  für ambitionierte Bergwanderer. Zu Fuß vom Mittelmeer zum Atlantik. 30.000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg. Das Zauberwort heißt: „Transpirenaica“.

 

Erhabene Rastplätze

Erhabene Rastplätze

Im französisch-spanischen Grenzgebiet scheint die Sonne bis zu 3000 Stunden im Jahr – mehr als in jeder anderen Region Frankreichs. Auf dem Weg zur Bewältigung seiner zehnten Aufgabe, das Fangen der Viehherde des Riesen Geryón, begegnet Herakles (Herkules), ein mit übermenschlichen Kräften ausgestatteter Sohn des Zeus, der keltisch-iberischen Prinzessin Pyrene. Er verliebt sich in die Schönheit mit feuerrotem Haar. Und sie sich in ihn. Aber Herakles muss seine Arbeit tun und eines Nachts verlässt er die Geliebte. Diese flieht verrückt von Kummer in den Wald und stirbt vor Erschöpfung. Herkules hört die verzweifelten Schreie, eilt herbei, kommt aber zu spät. In seiner Trauer trägt er so viele Steine auf ihrem Grab zusammen, dass ein gewaltiges Gebirge entsteht. Dieses nennt er zu Ehren der Prinzessin die Pyrenäen.

Bilder wie gemalt: was für eine grandiose Landschaft

Bilder wie gemalt: was für eine grandiose Landschaft

Dass die Pyrenäen – wie die Alpen – als Festungsmauern Westeuropas den Menschen des Altertums Respekt einflößten, ist nur zu verständlich. Bis heute birgt das gewaltige Eingangstor zur Iberischen Halbinsel viele Geheimnisse. Von der malerischen Landschaft mal ganz abgesehen. Dali und Picasso haben das Cap de Creus – den östlichsten Punkt Spaniens – mit ihren Bildern weltberühmt gemacht. Es duftet nach Kamille und Veilchen.

Etappe: Costa Brava-Andorra
Durch mediterran geprägtes Mittelgebirge strebt die „Transpirenaica“ rasch von der „wilden Küste“ weg, um nach drei noch eher gemütlichen Tagen allmählich ins Hochgebirge zu gelangen. Robuste Gehöfte erheben sich zwischen feinfingrigem Farnkraut, Steineichen und Kastanienbäumen. Wider aller landläufiger Vorstellung von „typisch spanischer Landschaft“, führt die Wanderung zunächst auf Panoramawegen durch die üppig grünen Grasberge der Comarca Ripollès im Norden Kataloniens.

Wohlverdient: ein kühler Trunk nach Hirtenart

Wohlverdient: ein kühler Trunk nach Hirtenart

2. Etappe: Andorra-Zentralpyrenäen
Mehr als ein Drittel Andorras liegt oberhalb der Waldgrenze. In den Lagen darunter wechseln Kiefernwälder mit Wiesen und Weiden einander ab. Das Land ist umschlossen von Bergen. 65 Gipfel übersteigen die 2000-Meter-Grenze. Die Begegnung mit Gämsen, Wieseln, Murmeltieren und Adlern ist fast unvermeidlich. Nach zwei Andorra-Etappen mit aussichtsreichen Almen, Granitfels und kristallklaren Seen, allesamt in der Eiszeit entstanden, führt der Kurs Richtung Atlantik straff zurück in die immer wilder und alpiner werdenden Berglandschaften der Hochpyrenäen. Schon auch anstrengend, mit bis zu 1500 Höhenmetern im Auf- und Abstieg an dem einen oder anderen Tag, aber unvergesslich eindrucksvoll, erschließen sich dem Wanderer die unglaublich einsamen und unbekannten Traumlandschaften zwischen Bordes de Noarre und Alòs d’Isil.

Die Zentralpyrenäen liegen im spanischen Bundesland Aragon (Aragonien). Imposante Schluchten, glitzernde Gletscher, sattgrüner Bergwald, malerische Seen. Das Barrosa-Tal zieht sich von Parzan hinauf zum Hauptkamm.

Die Pica d’Estats, 3150 m, ist der höchste Berg der Ostpyrenäen. Er bewacht den Eingang zum Pyrenäen-Nationalpark „Aigüestortes i Estany de Sant Maurici“ in der Provinz Lleida, ein Naturparadies mit fast 300 Seen – den „Estanys“, in einer Höhenlage zwischen 1700 und 2700 Metern. Die größte hochalpine Seenplatte Europas. Von besonderem Reiz sind der Estany de Sant Maurici zu Füßen pittoresk schlanker Felsnadeln und Estany Negre, derart zwischen Felswänden eingeklemmt, dass niemals die Sonne seine schwarzen Wasser erreicht.

Immer wieder führt der Pfad über munter sprudelnde Bäche, die mäanderartig die weite Landschaft durchziehen wie eine archaische Schnörkelschrift. In den niederen Lagen weichen die Wiesen der Schwarzkiefer, Tannen und Laubwald.

Im Tal von Boí, wieder ein Winkel in den Hochpyrenäen, der nicht von grauem Granit, sondern von dunklem Waldgrün beherrscht wird, stecken zahlreiche Kirchtürme wie Wegmarkierungen in der Landschaft. Der Wanderer bewegt sich entlang einer unsichtbaren Linie von einer romanischen Kirche zur anderen: zusammengenommen ein veritables Welterbe der UNESCO.

Baden im Atlantik?

Baden im Atlantik?

Die Zentralpyrenäen liegen im spanischen Bundesland Aragon (Aragonien). Imposante Schluchten, glitzernde Gletscher, sattgrüner Bergwald. Das Barrosa-Tal zieht sich von Parzan hinauf zum Hauptkamm. Vor dem Übergang zur französischen Nordseite führt der Weg durch eines der wildesten und unberührtesten Täler der Pyrenäen.  Aneto, 3400 m, und Posets, 3370 m, locken die Bergsteiger. Wer die Senkrechte meidet und es beim Wandern belässt, genießt den erneuten Wechsel des Landschaftsbildes: der spanische Nationalpark „Monte Perdido y Ordesa“ und der französische „Parque Nacional des Pyrenées“ prägen mit tief eingekerbten Canyons und dem gewaltigen Felskessel von Gavarnie in schönster Gemeinsamkeit das wilde Herz eines faszinierenden, viel zu unbekannten Gebirges, das einst das „Ende Europas“ genannt wurde.

3. Etappe: Zentralpyrenäen-Atlantikküste
Vignemale, Balaitous und Grande Fache sind – rein geografisch – die letzten Dreitausender des Kettegebirges. An der sonnigen Südflanke der Vignemale entlang führt ein Panoramaweg zum Prazate-Pass, 2650 m. Über den Pico de Butanes, ein Fenster in 2650 Metern Höhe, und dann aus den imposanten Aragonischen Pyrenäen hinaus. Die Transpirenaica strebt weiter in die wieder sanfter geprägten, gerundeten und grünen Pyrenäen des alten Königreiches Navarra. Durch Granitblockwerk und Fichtenwälder. Bauklötzchen für Riesen.

Navarra reicht von den westlichen Pyrenäen bis ins obere Ebrotal und zählt zu den kleinsten autonomen Gemein-schaften Spaniens. Der mächtige Ordesa-Canyon braucht den Vergleich mit berühmten Schluchtenlandschaften in den USA nicht zu scheuen. Auf Kletterer aus aller Welt übt der Pic du Midi d’Ossau mit fast 1000 Meter(!) senkrecht aufragenden Granitwänden magnetische Anziehung aus. Schließlich bleibt auch der letzte Zweitausender zurück, der Pic de Orri, und die Pyrenäen schrumpfen zum Mittelgebirge. Eine Heide- und Almlandschaft, bunt wie ein Fleckerlteppich, die über weite Strecken an die Vogesen erinnert. Bei der mächtigen, mittelalterlichen Klosteranlage Roncesvalles – am südlichen Fuß des Ibaneta-Passes – kreuzt von St. Jean-Pied-de-Port in Frankreich her kommend der Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Bekanntheit der Ortschaft hängt einerseits mit der wichtigen Pilgerstation zusammen, zum anderen mit der „Schlacht bei Roncesvalles“, bei der am 15. August 778 die Nachhut des Truppenzuges Karls des Großen unter Führung von Roland durch die ortsansässigen Basken vernichtend geschlagen wurde: die historische Grundlage für das später kräftig ausgeschmückte und überhöhte „Rolandslied“ bzw. die „Rolandssage“.

Wie ein Ausguck funktioniert die 900 Meter hohe Rhune: von diesem letzten „Hügel“ aus kann man die Atlantikküste schon sehen. Und am Nachmittag bei Hondarribia, der zur Provinz Gipuzkoa gehörenden Hafenstadt mit komplett erhaltener Stadtmauer, an der Mündung des Flusses Bidasoa, in seinen Wellen baden. Blau wölbt sich das Kantabrische Meer. Die Luft ist salzig. Fischerkneipen locken. Die Sonne zeigt wieder ihre ganze Kraft. Der Strand lockt…

Vielleicht kommt man sich komisch vor, in Bergschuhen und mit Rucksack. Aber was wissen die schon, die hier braten? Nach 34 Tagen ist das große Ziel erreicht. Die „Transpirenaica“ zu Ende.

Christoph Thoma